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	<title>Prinzip Zufall &#187; Laplac&#8217;scher Dämon</title>
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	<description>Kunst und Parapsychologie</description>
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		<title>Kompliziertes stark vereinfacht: Wie beherrschbar ist der Zufall?</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Jul 2011 10:48:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Laplac'scher Dämon]]></category>
		<category><![CDATA[Mathematik]]></category>
		<category><![CDATA[Zufall]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt Situationen im Leben, die müssen wir einfach dem Zufall  überlassen. Leicht fällt uns das nicht. Allzu gern möchten wir den  Zufall herausfordern, ihn austricksen. Ist das möglich? Und ist es  eigentlich wirklich vom Zufall abhängig, wie die Würfel fallen? Wir  sprechen mit Prof. Dr. Christof Schütte vom Institut für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Es gibt Situationen im Leben, die müssen wir einfach dem Zufall  überlassen. Leicht fällt uns das nicht. Allzu gern möchten wir den  Zufall herausfordern, ihn austricksen. Ist das möglich? Und ist es  eigentlich wirklich vom Zufall abhängig, wie die Würfel fallen? Wir  sprechen mit Prof. Dr. Christof Schütte vom Institut für Mathematik an  der Freien Universität Berlin. Dabei erfahren wir auch, dass Pokerspiel  und Aids-Therapie etwas gemeinsam haben.</em></p>
<p><strong>n-tv.de: Herr Schütte, sind Würfelspiele wirklich vom Zufall  abhängig? Oder spielen beim Fall eines Würfels einfach zu viele Faktoren  eine Rolle, als dass wir das Ergebnis beeinflussen könnten?</strong></p>
<div>
<p>Prof. Dr. Christof Schütte ist Leiter der BioComputing Group am  Institut für Mathematik der Freien Universität Berlin und  stellvertretener Sprecher des DFG-Forschungszentrums MATHEON.<cite><br />
</cite></p>
</div>
<p>Christof Schütte: Das kommt darauf an, was man unter Zufall versteht.  Es stimmt, dass man normalerweise zumindest die Hoffnung haben könnte,  den Fall eines Würfels voraussagen zu können, wenn einem nur genug  Messungen und Informationen zur Verfügung ständen. Aber in  Normalsituationen kann man sich all die notwendigen Informationen nicht  beschaffen. Deswegen kommt man lieber auf eine einfachere Beschreibung  zurück: auf den Zufall. Da Experimente ergeben, dass es sehr stark  gleich verteilt ist, welche Augenzahl der Würfel zeigt, erstellt man in  der Mathematik ein sogenanntes Zufallsmodell. Dort notiert man, dass  jede Augenzahl gleich wahrscheinlich auftaucht. Das ist also eigentlich  nur ein Hilfsmittel, das eine sehr komplizierte Umwelt auf etwas sehr  Einfaches zurückführt.</p>
<p><strong>Anders gesagt: Das, was wir Zufall nennen, ist mitunter nichts anderes als Unwissen?</strong></p>
<p>Die Vorstellung, dass man den Würfel und seinen Fall vollständig  beschreiben und daher auch vorhersagen kann, geht auf den Laplaceschen  Dämon zurück. In der Mathematik aber gibt es die Chaostheorie, und &#8230;</p>
<p><strong>Ein Dämon? Was hat es mit dem auf sich?</strong></p>
<p>Laplace war ein französischer Mathematiker und Astronom, der 1814  einen philosophischen Essay über die Wahrscheinlichkeit veröffentlichte.  Darin spricht er – stark verkürzt – von einer &#8220;Intelligenz&#8221;, die &#8220;alle  Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist&#8221; und der &#8220;nichts ungewiss  wäre&#8221;. Diese Intelligenz wurde später als Laplacescher Dämon bezeichnet.</p>
<p><strong>Welchen Platz nun nimmt dieser Dämon im Würfelspiel ein?</strong></p>
<p>Er besagt: Angenommen, man kennt alle Bedingungen perfekt, dann kann  man voraussagen, was wirklich geschieht. Das heißt, das System, um das  ich mich kümmere, hat die Eigenschaft, immer dasselbe zu tun, sofern  alle Bedingungen gleich bleiben. Bei einigen solcher Systeme aber kann  man nachweisen, dass das System bei allerkleinsten Änderungen etwas  völlig anderes macht. Dieses &#8220;völlig andere&#8221; gehorcht einer gewissen  Verteilung. Was rauskommen kann bei kleinsten Abweichungen, kann man  daher mit Wahrscheinlichkeiten charakterisieren.<br />
Die kleinsten  Änderungen können beim Würfelspiel schon ein kleiner Lufthauch oder ein  Stäubchen auf der Tischplatte sein. Deswegen sagt man aus mathematischer  Sicht: Diese Vorstellung, dass man bei Kenntnis aller Informationen  weiß, was passieren wird, diese Vorstellung kann man zwar im Prinzip  haben, aber man kann nie alles so genau wissen, dass dieser Satz  tatsächlich angewendet werden kann. Daher benutzt man die sehr viel  einfachere Beschreibung mit dem Wort &#8220;Zufall&#8221;.</p>
<p><strong>Gehorcht auch das Wetter diesem Zufallsprinzip?</strong></p>
<p>Ja. Beim Wetter kann man den Anfangszustand nicht genau genug messen,  um es über viele Tage voraussagen zu können. Auch das Wetter ist ein  chaotisches System. Kleine Abweichungen von den Anfangsbedingungen –  ungenaue, falsche Messungen – können nach drei bis vier Tagen völlig  verschiedene Szenarien ergeben.</p>
<p><strong>Mal ganz grundsätzlich: Woher wissen wir, dass es sich bei einem bestimmten Ereignis tatsächlich um einen Zufall handelt?</strong></p>
<p>Ein Mathematiker würde nie sagen: &#8220;Das IST Zufall.&#8221; Denn Zufall gibt  es ja vielleicht gar nicht. Ein Mathematiker würde bei bestimmten  Systemen sagen: &#8220;Das kann man mit einem Zufallsexperiment gut  beschreiben.&#8221; Dem Mathematiker geht es nämlich nur darum, das, was  passiert, korrekt zu beschreiben. Und beschreiben können wir bestimmte  Systeme mit dem Zufall, auch wenn es vielleicht gar kein Zufall ist.</p>
<p><strong>Wie steht es ums Lotto?</strong></p>
<p>&#8230; ist vielleicht auch gar kein Zufall. Wenn ich die Position aller  Kugeln ganz genau kennen würde und jede kleinste Unebenheit in der  Oberfläche der Maschine, dann könnte ich tatsächlich voraussagen, wie  diese ganzen Kugeln am Ende rotieren, und wenn ich dann weiß, wann  eingegriffen wird, weiß ich, welche Kugel gezogen wird. Aber niemand  wird das ernsthaft versuchen wollen, auch weil das sicher ebenfalls ein chaotisches System ist &#8230;</p>
<p><strong>Glücksspiele würden ohne Zufallselement stark an Reiz  verlieren. Und dennoch wünscht man sich oft genug, man könnte den Zufall  austricksen. Haben Sie als Mathematiker da einen Tipp?</strong></p>
<p>Ja, mit Mathematik kann man in Zufallsszenarien einiges machen. Zum  Pokern beispielsweise gibt es ausgearbeitete mathematische Theorien, die  man relativ einfach nachvollziehen kann, wenn man ein bisschen was von  dem Spiel versteht. Es geht darum, zu erkennen, wann man am besten mit  dem Weiterbieten aufhören sollte. Für Mathematiker ist das ein optimales  Stoppzeiten-Problem. Und ein solches gibt es nicht nur beim Poker,  sondern zum Beispiel auch in der Aids-Therapie. Damit beschäftigen wir  uns hier am Institut.</p>
<p><strong>Auch in der Aids-Therapie spielen der Zufall und seine mathematische Beherrschbarkeit eine Rolle?</strong></p>
<p>In dem einen Fall sind Sie der Pokerspieler, Ihnen gegenüber sitzt  ein anderer Pokerspieler. In dem anderen Fall sind die Viren Ihr Gegner.  Sie wissen nicht genau, was die machen. Und beim Poker wie bei der  Virenbekämpfung wollen Sie als Sieger vom Tisch gehen.</p>
<p>Heutzutage  bekommt jemand, der HIV-infiziert ist, ein Medikamenten-Cocktail, der  den Typ Virus, den er hat, ziemlich gut unterdrücken kann. Gleichzeitig  bilden sich Resistenzen gegen dieses Medikament. Die resistenten Viren  werden von den Medikamenten nicht mehr bekämpft. Sie können sich  teilweise in Zellen verstecken, wo sie von dem Medikament nicht mehr  erreicht werden. Nach einer gewissen Zeit kommen sie wieder raus aus dem  Versteck und überschwemmen dann den gesamten Organismus. Man muss also  einen Zeitpunkt finden, an dem man von dem ersten Medikamenten-Cocktail  auf einen anderen wechselt, bevor die resistenten Viren so zahlreich  geworden sind, dass sie unkontrollierbar werden. Damit will man  allerdings möglichst lange warten, denn es stehen nur endlich viele  Medikamenten-Cocktails zur Verfügung. Man muss das Maximale aus dem  ersten Medikament herausquetschen. Das ist das Stoppzeiten-Problem. Die  Verbreitung eines Virus im Körper ist ein Zufallsprozess. Ob ein Virus  mutiert oder nicht, lässt sich sehr gut durch ein Zufallsexperiment  beschreiben. Die Medikamentengabe ist eine äußere Kontrolle, die man auf  den Zufallsprozess Virusmutation ausübt.</p>
<p><strong>Mathematisch lässt sich also ermitteln, wann man eingreifen muss, um bestimmte zufallsgeprägte Entwicklungen zu vermeiden?</strong></p>
<p>Nicht nur das. Es lässt sich in anderen Situationen auch ermitteln,  wann der vom Zufall abhängige erwartete Gewinn am größten ist. Ein  typisches Beispiel aus Lehrbüchern: Sie haben eine große Waldfläche, von  der Sie wissen, wie schnell Ihre Bäume im Durchschnitt wachsen. Wie  schnell Ihre Bäume jedoch tatsächlich wachsen, hängt von vielen Zufällen  ab. Vom Wetter, von Mineralverteilungen im Boden etc. Das lässt sich  nicht alles in allen Details erfassen. Das bedeutet, Sie haben ein  Zufallsmodell, wie schnell Ihr Wald wächst. Sie wollen ihn irgendwann  abholzen, aber wann ist der optimale Zeitpunkt, auch bezogen auf den  Holzpreis? Auch der fluktuiert zufällig. Und wann pflanzen Sie neue  Bäume? Ziel ist immer der maximale Gewinn über eine lange Zeit. Das ist  eine typische Fragestellung, und sie lässt sich mathematisch lösen.  Übrigens lässt sie sich auf Stromnetze übertragen, wo der Zufallsprozess  darin besteht, dass man nicht genau weiß, wie viele Kunden wann wie  viel Strom entnehmen. Oder auf Gasnetze. Es gibt zahlreiche Probleme der  so genannten stochastischen Optimierung, wo Sie in einem Zufallsumfeld  entscheiden wollen, welche Strategie die beste ist, um ein Ziel zu  optimieren.</p>
<p><strong>Nachdem wir so viel über den Zufall gesprochen haben: Was hält ein Mathematiker vom Schicksal?</strong></p>
<p>Da kommen wir wieder auf den Anfang des Gesprächs zurück. Der Begriff  des Schicksals ist der Begriff der Vorherbestimmtheit, des  Determinismus: Würden Sie alles kennen, wüssten Sie, was passiert. Die  Eigenschaft von mathematischen, chaotischen Systemen zeigt, dass das  vielleicht im Prinzip gilt, aber dass diese Kenntnis niemals genau genug  eingenommen werden kann, um alle Systeme voraussagen zu können. In  vielen Zusammenhängen sind Theorien, die Zufallsbegriffe benutzen, sehr  viel einfacher und testsicherer als Modelle, die Determinismus oder  Schicksal benutzen. Selbst wenn es also das Schicksal gibt, würde ein  Mathematiker sagen, dass ihm diese Information nichts nützt.</p>
<p><em>Mit Christof Schütte sprach Andrea Schorsch.</em></p>
<p><em>aus: n-tv.de/wissen<br />
</em></p>
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