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	<title>Prinzip Zufall &#187; Kontrolle</title>
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	<description>Kunst und Parapsychologie</description>
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		<title>Das Prinzip Zufall, Teil 7/7: Vorbild Internet</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Oct 2012 15:35:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mit der Digitalisierung jedoch setzte eine historische Gegenbewegung ein – hin zu einem Equilibrium, wie es Goethe einmal als natürlich beschrieb: „Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet.“ Den verhärteten bürokratischen Großstrukturen, die mit der Industrialisierung gewachsen waren und von denen die kommunistische Kommandowirtschaft nur die größte und daher lebensunfähigste Wucherung darstellte, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit der Digitalisierung jedoch setzte eine historische Gegenbewegung ein – hin zu einem Equilibrium, wie es Goethe einmal als natürlich beschrieb: „Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet.“ Den verhärteten bürokratischen Großstrukturen, die mit der Industrialisierung gewachsen waren und von denen die kommunistische Kommandowirtschaft nur die größte und daher lebensunfähigste Wucherung darstellte, traten im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts dank der digitalen Ausdifferenzierung von Steuerungstechniken und vor allem dank der Virtualisierung vieler Prozesse, die zuvor im Realraum hatten stattfinden müssen, freiere und effektivere Organisationsformen zur Seite.</p>
<p>Entscheidend für die theoretische wie praktische Rehabilitierung des freien Spiels waren die Durchsetzung von Internet und WWW. Das wenig strukturierte, unreglementierte, ungehemmte und gerade deswegen so erfolgreiche Wachstum des globalen Datenraums bot den besten Beweis für die technischen, ökonomischen und auch sozialen Vorteile von Offenheit und weitgehender Selbststeuerung. Aufgrund seiner niedrigen Zugangsschranken ermächtigte das digitale Netz potentiell jeden Bewohner der industriellen Länder, global zu kommunizieren, sich zu informieren und zu publizieren, Waren zu erwerben und selbst anzubieten. Inmitten der verwalteten Welt entstand so plötzlich und ungeplant ein Freiraum, ein Produktionsmedium für gewagtes Denken, unkontrolliertes Handeln, neue Ideen und zufällige Synergien. Gleichzeitig war das Internet technisch wie in seiner Administration durch wechselnde Kleingruppen beweglich genug angelegt, um mit dem unerwartet explosiven Wachstum des Datenverkehrs, der sozialen udn geografischen Ausweitung und denvöllig unvorhergesehenen Wechseln im Nutzerverhalten wie etwa der Wende zum grafischen WWW und dem nachfolgenden E-Kommerz fertig zu werden. &#8220;Ich glaube,der Schlüssel zum Erfolg des Internet war das Engagement für Flexibilität und Vielfalt, sowohl im technischen Design wie in der organisatorischen Kultur“, schreibt Janet Abbate. &#8220;Niemand konnte die spezifischen Veränderungen vorhersehen, die am Endedes 20. Jahrhunderts die Computer- und Kommunikationsindustrie revolutionieren sollten. Eine Netzwerkarchitektur, die dazu entworfen war, eine Vielzahl von Computertechnologien zu bewältigen, kombiniert mit einem informellen und nicht ausgrenzenden Verwaltungsstil, verschafft dem Internet als System die Fähigkeit, sich einer unberechenbaren Umwelt zu adaptieren.“</p>
<p>Die naturwüchsig verlaufene globale Vernetzung bietet damit das historische Beispiel für die Vorteile einer auf individuelle Freiheit angelegten und enthierarchisierten Selbstorganisation. Wer den Mangel an institutioneller oder sozialer Kontrolle über Jahre hinweg als stimulierend und fruchtbar erleben konnte, vermag auch im Rückblick auf andere Epochen und Umstände die Bedeutung ähnlich offener Rahmenbedingungen zu erkennen – und damit zugleich die Vergeblichkeit von Vorgaben und Diktaten, wie sie immer noch viele in ihrem Festklammern an die zunehmend anachronistische industrielle Kontrollmentalität fordern. Folgte aus dem Einfluss glücklicher Fügungenauf den Prozess technologischer Innovationen die weitgehende Unmöglichkeit, ihre Entwicklung zu prognostizieren oder gar zu planen, so begründet die noch größere Unberechenbarkeit der sozialen Durchsetzung von Technologien im Wechselspiel kultureller Kräfte und kommerzieller Interessen die prinzipielle Problematik jeder religiös oder politisch motivierten Regelung.</p>
<p>Die konservativen Gegner des Buchdrucks befürchteten, die ungehemmte Verbreitung von Büchern werde, indem sie die Menschen zu Viellesern mache, ihre Fähigkeit zu Gedächtnisleistungen auf schädliche Weise reduzieren – ein Argument, das übrigens schon die Feinde der Schrift vorgebracht hatten. Die Gegner des Telegrafen führten gegen in ins Felde, er sei überflüssig teures Unternehmen, da sich die Bewohnerverschiedener Weltgegenden gar nichts mitzuteilen hätten. In guter Erinnerung sind auch die kurzsichtigen Argumente, mit denen noch vor wenigen Jahren in Deutschland gegen die Notwendigkeit einer flat rate gestritten wurde und damit gegen eine – der Strom- oder der Wasserversorgung vergleichbaren – permanenten Anbindung ans Internet. In all diesen Fällen hätten oder haben zum Teil auch staatliche Monopole, Eingriffe und gesetzliche Vorschriften die weitere erfolgreiche Entwicklung nur behindert.</p>
<p>Treffsicherer als die Meinungen selbsternannter oder tatsächlicher Experten sowie wohlmeinender Auto- oder Bürokraten erwies sich dagegen stets die kollektive Weisheit der partizipierenden Zeitgenossen, die Millionen von Einzelentscheidungen trafen und damit den historischen Verlauf letztlich bestimmten. Der Schluss liegt nahe, dass auch für die Gegenwart – etwa im Falle der eskalierenden Auseinandersetzung um die Gentechnologie, dieses ebenfalls gänzlich ungeplante Kind der Digitalisierung – unbehindertes Zulassen nicht nur das freiheitlichste, sondern auch zukunftsträchtigste Rezept sein dürfte. Denn angesichts unvermeidlicher zeitgenössischer Ignoranz und Kurzsichtigkeit war keine obrigkeitsstaatliche Regelung noch stets die beste Lösung aller Probleme, die sich anfänglich mit der sozialen Durchsetzung neuer Technologien verbanden.</p>
<p>Jenseits solch politischer Erwägungen, die sich auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Forschung richten, ergeben sich aus der konstitutiven Unberechenbarkeit innovativer Prozesse aber auch wesentliche Schlüsse für die innere Organisation von Projekten, die auf kreative Ergebnisse zielen. Vom Buchdruck über Telefon, Phonograph, Radio, PC bis zu Internet und WWW demonstriert die Geschichte des technologischen Fortschritts mit der Fundierung auf glückliche Fügungen, Zweckentfremdungen und unvorhergesehene schöpferische Zerstörungen, dass es nicht nur vergeblich, sondern auch schädlich ist, Zufälle verhindern zu wollen. Auch in dieser Hinsicht liefert das Internet das Modell für den Paradigmenwechsel von hierarchischer Kontrolle in der mechanisch-industriellen Tradition zu den dezentralen und evolutionär orientierten Arbeitsformen der digitalen Epoche. Der beobachteten Parallelität zwischen technologischem Entwicklungsstand und zeitgenössischer Auffassung vom Charakter kreativer Arbeit entsprechend beendet die Digitalisierung die Vorbildfunktion von Fabrik und Bürokratie. An die Stelle ihrer autoritären Ordnung tritt die Bereitschaft, den Zufall, der im Prinzip ohnehin herrscht, nun aktiv zuzulassen und unberechenbare Kräfte, Koinzidenzen und Synergien so weit als möglich für die eigenen Zwecke einzuspannen.</p>
<p>Die beiden fortgeschrittensten Beispiele dafür finden sich, was nicht verwundernkann, in der Software-Produktion: die Open-Source-Bewegung und das evolutionäre Programmieren. Erstere hat eine egalitär-meritokratische Organisationsstruktur, die Eric Raymond einmal im Gegensatz zu dem hierarchisch organisierten Bau einer Kathedrale mit den offenen Interaktionen auf einem Bazar verglichen hat. Diesem Marktplatz der Ideen und Kodes korrelieren die diversen Varianten evolutionären Programmierens dialektisch: Die Rolle der kollektiven und wesentlich blinden Intelligenz, die beim Open-Source-Modell Hunderte oder Tausende über den Erdball verteilte und einander zumeist unbekannte Programmierer spielen, übernehmen hier Generationen von Algorithmen, die nach den Prinzipien natürlicher Selektion und in einer Vielzahl von arbiträren Mutationen auf Problemlösungen stoßen. Von beiden Ansätzen werden in den kommenden Jahren die geistes- wie naturwissenschaftliche Forschung und auch technologische Großprojekte zu lernen haben.</p>
<p>Das Prinzip Zufall. In: C’T &#8211; MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK, 5. Mai 2001, S. 246- 251. freyermuth.com &#8211; http://de.scribd.com/doc/102312786/Das-Prinzip-Zufall</p>
<p>Autor: Gundolf S. Freyermuth, freyermuth.com</p>
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		<title>Das Prinzip Zufall, Teil 6/7: Digitalisierung des Zufalls</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Oct 2012 15:36:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Erkennbar wird bei dieser Infragestellung so vieler Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten des 20. Jahrhunderts unter anderem, in welch hohem Maße der technologische Entwicklungsstand und die aus ihm resultierende Organisation der durchschnittlichen Produktionsabläufe auch die zeitgenössischen Vorstellungen vom Charakter kreativer wissenschaftlicher und künstlerischer Tätigkeiten prägte. Diesen Vorstellungen entsprechend wurde dann etwa Ausbildung und Ausübung organisiert. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis, das in der frühen Neuzeit Wissenschaft wie Kunst dominierte, entsprach den Verhältnissen von Meister, Geselle und Lehrling in den mechanisch-handwerklichen Kleinbetrieben. Mit der Manufaktur und dem Ausbau staatlicher Verwaltung entstanden größere Künstlerwerkstätten, Akademien und Universitäten. Im Zuge der Industrialisierung wandelten sie sich dann von Klein- und Mittel- zu Großbetrieben, zu Studier-, Denk- und Traumfabriken. Die Massenuniversitäten mit ihrem anonymen Betrieb und bürokratischen Leerlauf, die seit den siebziger Jahren in Deutschland die Regel wurden, vollzogen nach, was Industrie und staatliche Verwaltung vorgemacht hatten.</p>
<p>Die äußeren Umstände deuten so an, wie auf der jeweiligen Zivilisationsstufe auch inhaltlich von kreativer Arbeit gedacht wurde. Das mechanische Bewusstsein wollte Wissenschaft und Forschung nach den Modellen von Kausalität und manuell-individueller Wiederholbarkeit betreiben. Hinzu kam das organisatorische Moment handwerklichpraktischer Qualitätsarbeit. Das industrielle Bewusstsein wiederum orientierte sich an maschinell zuverlässigem Funktionieren und serieller Wiederholbarkeit. Beides wurde entsprechend dem bürokratisch-praktischen Interesse an einem zeitlich wie quantitativ planbaren Ausstoß organisiert. Dementsprechend feindlich war beiden Varianten bürgerlicher Mentalität alles Unverhoffte und Glückspielhafte – weshalb im Gegenzug anti-bürgerliche Künstler, von den Romantikern über die Avantgarden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zu Happening- und Pop-Künstlern, für die Rehabilitierung des Ungeplanten und Willkürlichen kämpften, gegen die Verdrängung des existentiellen Geworfenseins und für die Praxis des gewagten Wurfs.</p>
<p>Das Verständnis vom Zufall und der Umgang mit ihm hat so seine technologisch geprägte Geschichte. Überraschungen, die der agrarischen Mentalität Ausdruckhimmlischen Wirkens waren und als so oder so gute, weil göttliche Zeichen interpretiert wurden, galten schon den mittelalterlichen Wissenschaften als lästige oder gefährliche Störung. Die Medizin etwa verwendete die Rede vom Zufall synonym mit Symptom. Die „Zufälle der Verdauung“ seien immer die ersten Anzeichen von Krankheit, heißt es in einem einschlägigen Lehrbuch, und noch Georg Christoph Lichtenberg schreibt von „Schnupfen, Kopfweh und anderen Zufällen“. Die Aufklärung freilich leitete einen Wandel zur modernen Bedeutung ein: Die Rede vom Zufall begann ein unberechenbares Geschehen zu meinen, das individuelle Absichten zunichte machte und sich vernünftiger Lenkung entzog. Das Grimmsche Wörterbuch gibt eine klare Begründung für diesen Bedeutungswandel, der im 17. Jahrhundert begann: „Seitdem die Causalität das wichtigste Problem der Philosophie und die Gesetzmäszigkeit die Grundlage der Naturwissenschaft geworden war, brauchte man ein Wort, um das zu bezeichnen, dessen Ursache unbekannt war.“ Leibniz, der Urvater der Informatik, konnte folgerichtig zum Ziel praktischen Handelns erklären, „dasz man die Zufälle selbst unter das Joch der Wissenschaft“ bringe.</p>
<p>Dieser Wunsch wuchs proportional zum Zerstörungspotential der industriellen Technologien. Mit zunehmender Maschinisierung geriet Ungeplantes immer seltener glücklich. Was in der kreativen Arbeit serendipity hieß, wurde im Alltag zu etwas, das by accident passierte: der Zu- als Unfall. Ihm hatte man daher mit gesteigerter Kontrolle zu begegnen. Dass die industrielle Mentalität möglichst wenig dem Zufall überlassen wollte – am Ende nicht einmal mehr den Lauf der Flüsse oder wie einer sein eigenes Dachgeschoss ausbaute –, entsprach durchaus den gesteigerten Gefahren im Alltag der technisch hochgerüsteten und immer dichter besiedelten Länder. Ein Versicherungswesen, das Schutz gegen alles und jedes offeriert, ist insofern ein logisches Nebenprodukt des industriellen Strebens, durch technische wie bürokratische Maßnahmen möglichst all die Unwägbarkeiten auszuschalten, die einst das Leben auszumachen pflegten. Seinen Höhe- und zugleich Umschlagpunkt erreichte der von den Erfahrungen der Industrialisierung geprägte Kontrollwille in der Idee einer zentral gesteuerten Planwirtschaft, die noch die kreativen Unberechenbarkeiten des Marktes durch rational kalkulierte und vermeintlich effektivere Expertenmanipulation ersetzen wollte.</p>
<p><a href="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=854">&gt; Teil 7 Vorbild InternetDas Prinzip Zufall.</a></p>
<p>In: C’T &#8211; MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK, 5. Mai 2001, S. 246- 251.</p>
<p>Autor: Gundolf S. Freyermuth, freyermuth.com</p>
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		<title>Das Prinzip Zufall, Teil 5/7: Phase 3 &#8211; Schöpferische Zerstörung</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Oct 2012 15:34:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mit diesem ungewöhnlichen Schritt reagierte das Nachrichtenmagazin auf die von keinem Experten erwartete Revolutionierung des Arbeits- und Alltagslebens durch den PC. Solch tektonische Verschiebungen von zivilisatorischer Bedeutung markieren die dritte Phase unvorhergesehener Konsequenzen technologischer Innovation: dass bahnbrechende Geräte wie Telefon, Radio oder PC binnen kurzem historisch gewachsene Strukturen vernichten und damit Platz für neue zivilisatorische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit diesem ungewöhnlichen Schritt reagierte das Nachrichtenmagazin auf die von keinem Experten erwartete Revolutionierung des Arbeits- und Alltagslebens durch den PC. Solch tektonische Verschiebungen von zivilisatorischer Bedeutung markieren die dritte Phase unvorhergesehener Konsequenzen technologischer Innovation: dass bahnbrechende Geräte wie Telefon, Radio oder PC binnen kurzem historisch gewachsene Strukturen vernichten und damit Platz für neue zivilisatorische Ordnungen schaffen; dass sie also, in den Worten Joseph Schumpeters, „schöpferische Zerstörungen“ in einem Maße auszulösen vermögen, das die Vorstellungskraft der Erfinder und ihrer Zeitgenossen überschreitet. „Kann man sich vorstellen, Orville Wright das System der Frequent-Flyer-Meilen zu erklären?“ fragen Denning und Metcalfe spöttisch in ihrer Diskussion sozialer Technik- Folgen: „Man stelle sich vor, wir erweckten Henry Ford zum Leben und zeigten ihm die heutigen Autos. Die Veränderungen im Design würden ihn wenig wundern: Autos haben immer noch vier Räder, ein Lenkrad, Verbrennungsmotoren, Getriebe und so weiter. Aber er wäre sehr verwundert über die Veränderungen in den menschlichen Verhaltensweisen, die sich rund um das Automobil herum ausgebildet haben – zum Beispiel die Frisiererei der Hot Rods, vorstädtische Einkaufszentren, Drive-In-Fast- Food-Restaurants, Autos als Statussymbol, regelmäßige Staus im Berufsverkehr, Verkehrsnachrichten im Radio und so vieles mehr.“</p>
<p>Mit der Industrialisierung setzte im 19. Jahrhundert eine dramatische Beschleunigung technologischer Innovation und in ihrem Gefolge auch soziokultureller Umwälzungen ein. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts eskaliert die Digitalisierung diesen Prozess noch ein weiteres Mal. Doch historisch gänzlich neu sind solch tiefgehende Erschütterungen der zivilisatorischen Tektonik keineswegs. Als Gutenberg die ersten Bibeln druckte, konnten weder er noch seine Zeitgenossen ahnen, dass die zunehmende Verbreitung von Heiligen Schriften ein halbes Jahrhundert später Luther die materielle Grundlage für sein revolutionäres Argument liefern sollte, die Menschen müssten die Bibel selbst lesen statt sich auf die Interpretationen der katholischen Kirche zu verlassen. Genauso wenig war vorherzusehen, was Paul Levinson als den weiteren historischen Dominoeffekt des Buchdrucks beschreibt: „dass die Druckerpresse durch die Verbreitung verlässlicher Informationen die wissenschaftliche Revolution auslösen sollte, ebenso das Zeitalter der Entdeckungen durch die Verbreitung gedruckter Beschreibungen von Columbus’ Reise in die Neue Welt (er war mit Sicherheit nicht der erste – die Skandinavier trafen vor Columbus ein –, er war nur der erste, der nach den Druckerpressen kam); den Aufstieg der Nationalstaaten durch die Publikation von Texten in den Volkssprachen und das Entstehen des öffentlichen Erziehungssystems als Reaktion auf das dringende Bedürfnis, lesen zu lernen, das durch die plötzliche Verbreitung von Büchern entstanden war“.</p>
<p>Den Anfang ähnlich gewaltiger Verschiebungen in der zivilisatorischen Tektonik erleben wir gegenwärtig als Folge globaler Vernetzung und der damit einhergehenden Durchsetzung von Echtzeitverhältnissen in immer mehr Arbeits- und Lebensbereichen. Internet und WWW demonstrieren dabei in allen drei erwähnten Phasen – Forschung, sozialer Gebrauch, historische Folgen – Technik- als Zufallsgeschichte. Schon das Entstehen der ersten Formen von vernetzter Echtzeit-Kommunikation verdankte sich nicht gezielt oder auch nur erfolgreich betriebener Forschung, sondern einer recht chaotischen und im nachhinein fast unglaublichen Verkettung wiederholt scheiternder Anstrengungen und unberechenbarer politischer Wechselfälle.</p>
<p>Während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs wurde das Servomechanisms Labaratory des MIT von der US-Armee mit der Entwicklung eines Echtzeit- Flugsimulators betraut. Geplant war das Project Whirlwind als Zweijahres- Unternehmen mit einem bewilligten Budget von 200 000 Dollar. Die Konstruktion des Steuerungscomputers mit der dazu nötigen Rechenleistung wollte jedoch nicht gelingen. „In einem konservativeren und rationalen Forschungsumfeld“, urteilen Aspray und Campbell über den sorglosen Umgang der Armee mit den Steuergeldern, „wäre das Projekt wohl eingestellt worden.“ Als Whirlwind vier Jahre nach Kriegsende noch immer keine endgültigen Ergebnisse vorweisen konnte, stand es trotz des ungemein geschickten Lavierens seines politisch gut positionierten Leiters tatsächlich kurz vor dem Aus &#8211; und wurde in letzter Minute vom Kalten Krieg gerettet.</p>
<p>Die USA benötigten zur Abwehr der Bedrohung durch russische Atombomber ein Frühwarnsystem. Auch dazu waren leistungsfähige, vernetzte Computer nötig, und Whirlwind war allen Misserfolgen zum Trotz weiter fortgeschritten als sämtliche vergleichbaren Forschungsprojekte. Das Unternehmen wurde wiederbelebt, gänzlich neue Ziele wurden gesetzt, üppige Finanzierungsrunden folgten. Acht Jahre später als geplant und acht Millionen Dollar teurer schuf dann, was als Suche nach einer Flugsimulator-Technologie begonnen hatte, die Grundlagen für SAGE, das weltweit  erste Echtzeit-Frühwarnsystem – das jedoch wiederum erst ein Jahrzehnt später in Dienst gestellt wurde, als es aufgrund neuer sowjetischer Interkontinentalraketen längst von der Realität überholt und weitgehend nutzlos geworden war.</p>
<p>Wenn Whirlwind im Hinblick auf die beiden einander ablösenden Ziele Echtzeit- Flugsimulator und Frühwarnsystem auch nicht gerade von besonderem Erfolg war, so zeitigten die dabei entwickelten Technologien dann jedoch zweckentfremdet weitreichende Wirkungen im zivilen Alltag. SABRE, das von IBM für American Airlines entwickelte erste interkontinentale Echtzeit-Buchungssystem, bewies die Praktikabilität und den gewaltigen ökonomischen Nutzen des weitläufigen real time computing. Mit ihm wurde der Computer vom isolierten Rechner zum vernetzten Kommunikationsgerät.</p>
<p>Ende der sechziger Jahre begann dann mit dem militärisch-wissenschaftlichen DARPANET die Entwicklung zum Internet. Auch sie war von zahllosen Zufällen, Umorientierungen und vor allem zunehmender Umfunktionierung gekennzeichnet. „Ich war mir bewusst“, beschreibt Janet Abbate ihre ersten Online-Erfahrungen, „dass das Internet vom Verteidigungsministerium eingerichtet worden war, aber hier saß ich und benutzte das System, um mich mit meinen Freunden zu unterhalten und um mit fremden Leuten Rezepte auszutauschen – das war, als würde ich mit einem Panzer eine Spritztour unternehmen.“</p>
<p>Die vollständige Zweckentfremdung des für gutausgebildete Eliten geschaffenen Kommunikationsmediums zu einer Mischung aus globalem Marktplatz und Themenpark geschah schließlich mit dem WWW – wieder einmal ganz entgegen den Absichten des Erfinders Timothy Berners-Lee, dem es um die Verbreitung von Wissen und Bildung ging, sowie der Institution CERN, die das Projekt finanziert hatte und dessenVerantwortlichen der einsetzende Rummel eher peinlich war. „Das Web selbst ist eine Art von Exaptation im großen Maßstab“, stellt daher Steven Johnson fest: „Ursprünglich entworfen als lokales Ablagesystem für akademische Forschung, wurde es fast über Nacht zu einem Massenmedium, dass Nachrichten, Shows, Tagebucheinträge, Soft-Porn und praktisch alles, was man sich vorstellen kann, zu einem weltweiten Publikum von Infokonsumenten transportierte.“</p>
<p>So nachhaltig die ökonomischen, sozialen und kulturellen Verwerfungen schon sind, die historischen Spätfolgen dieser Öffnung eines globalen Echtzeitraums zum Austausch von Ideen, Informationen und Waren lassen sich noch kaum abschätzen. Nur darin sind die meisten zeitgenössischen Experten sich einig: Was die epochalen Konsequenzen angeht, werden es PC, Internet und WWW allemal mit der mechanischen Druckerpresse aufnehmen können. Dem tradierten zivilisatorischen Dreischritt agrarischmechanisch-industriell folgt nunmehr eine vierte, die digitale Stufe, und mit diesem Historischwerden der Industrialisierung entsteht wie in noch jeder Schwellenepoche eine neue Perspektive auf die bisherige Geschichte des Fortschritts und darauf, wie er zustande kam.</p>
<p><a href="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=861">&gt; Teil 6 Digitalisierung des ZufallsDas Prinzip Zufall.</a></p>
<p>In: C’T &#8211; MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK, 5. Mai 2001, S. 246- 251.</p>
<p>Autor: Gundolf S. Freyermuth, freyermuth.com</p>
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		<title>Das Prinzip Zufall, Teil 4/7: Phase 2 &#8211; Zweckentfremdung</title>
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		<pubDate>Sun, 30 Sep 2012 15:38:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Ursache dafür, meint Paul Levinson, liegt wesentlich in der radikalen Differenz zwischen der leidlichen, wenn auch unzulänglichen Kontrolle der Wissenschaftler über den Innovationsprozess selbst und der gänzlich unkontrollierbaren Anwendung der Forschungsergebnisse: &#8220;Da sich die Sphäre der Kontrolle, die der Erfinder ausübt, im großen Ganzen nur auf die Verkörperung seiner Intention in der Erfindung selbsterstreckt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Ursache dafür, meint Paul Levinson, liegt wesentlich in der radikalen Differenz zwischen der leidlichen, wenn auch unzulänglichen Kontrolle der Wissenschaftler über den Innovationsprozess selbst und der gänzlich unkontrollierbaren Anwendung der Forschungsergebnisse: &#8220;Da sich die Sphäre der Kontrolle, die der Erfinder ausübt, im großen Ganzen nur auf die Verkörperung seiner Intention in der Erfindung selbsterstreckt – nicht auf den Marktplatz der Ideen, die Finanzierung und die Sitten, die betimmen werden, wie seine Erfindung genutzt wird und wie erfolgreich sie bei dieserNutzungsweise menschliche Bedürfnisse erfüllt, produzieren Technologien ebenso tiefgreifende unbeabsichtigte Konsequenzen wie biologische Organismen.“ Diese Parallele zwischen dem menschengemachten technischen Fortschritt und der biologischen Evolution versucht Steven Johnson genauer zu fassen, indem er sie mit der Exaptation vergleicht. Der Begriff bezeichnet den Einsatz körperlicher Fähigkeiten zu anderen Zwecken als jenen, für die sie sich im Prozess der natürlichen Selektion einst durchgesetzt hatten. Exaptation stellt so das Gegenstück zur Adaptation dar, in deren Verlauf sich das biologische Leben veränderten Umweltbedingungen anpasst, indem es neue Fähigkeiten ausbildet. Stephen Jay Gould etwa argumentiert in seinem Aufsatz „Exaptation: A Crucial Tool for Evolutionary Psychology“, dass es sich beim menschlichen Gehirn um das Musterbeispiel einer solchen Exaptation handelt. Spezifische mentale Fähigkeiten, die sich unter den Überlebensbedigungen von Jäger-und Sammlergesellschaften ausbildeten, wurden im Laufe einer Zeitperiode, die für evolutionäre Adaptationsprozesse viel zu kurz war, zur Entwicklung von medialen und technologischen Systemen wie Schrift oder Mathematik exaptiert. Ein ähnlicher Prozess der Umfunktionierung, so Johnson, strukturiert über weite Strecken die Nutzung neuer Technologien.</p>
<p>Gummi beispielsweise, von Charles Goodyear als industrielles Dichtungsmaterial entwickelt, fand seine erste, lange Zeit lukrativste und sozial folgenreichste Verwendung zu Verhütungszwecken. Der Zelluloidfilm, den George Eastman sich1889 für seine Fotokamera patentieren ließ, geriet in Edisons Filmkamera tatsächlich ins Rollen und ermöglichte die Aufnahme laufender Bilder. Im zwanzigsten Jahrhundert lieferten dann Radio und PC zwei schlagende und in der Geschichte ihrer Durchsetzung, wie sie von William Aspray und Martin Campbell-Kelly in Computer: A History of the Information Machine erzählt wird, einander sehr ähnliche Beispiele sozialer Exaptation: Als Guglielmo Marconi 1894 unter Verwendung der von Heinrich Hertz entdeckten elektromagnetischen Wellen ein Signal sendete, mit dem er eine Glocke aus zehn Metern Entfernung zum Läuten bringen konnte, glaubte er, ein Verfahren zu drahtloser Telegrafie udn Telefonie erfunden zu haben. Die ersten Anwendungender neuen Technik um 1900 dienten dann auch militärisch-nachrichtendienstlichen und kommerziell-kommunikativen Zwecken; nach heutigen Begriffen point-to-point- Transfers und dem narrow casting.</p>
<p>Fast zwei Jahrzehnte vergingen, bis schließlich das seitdem dominierende Radio- Sendemodell zur Massenunterhaltung entwickelt wurde; bis also die Erfindungund Etablierung des historisch neuartigen broadcasting gelang. Das entscheidende Bindeglied zwischen beiden Anwendungsphasen der Radiotechnik bildete eine wachsende Zahl begeisterter Bastler, von denen die neue Technik aufgegriffen und zu privaten Zwecken – Mithören militärischer und kommerzieller Kommunikation, persönliche peer-to-peer-Kommunikation – zweckentfremdet wurde. Dank ihrer heimgebauten Privatgeräte bildeten diese Hobbyisten dann das erste Publikum und damit die finanzielle Basis der fast 600 musiksendenden Radiostationen, die allein1921/22 in den USA gegründet wurden und deren Angebot in der Wechselwirkung erst den Massenmarkt für die industriell gefertigte radio music box erzeugte. Recht ähnliche Exaptationsprozesse prägten den unvorhergesehenen Aufstieg des Personal Computers. Mit dem Mikroprozessor &#8211; 1969 für den Einsatz in Taschenrechnernentwickelt – stand im Prinzip die Technologie zur Herstellung von PCs zur Verfügung. Doch wie sich einst niemand Heimradios vorzustellen vermochte, so erkannte nun keiner der existierenden Mainframe- und Mikrocomputerhersteller den Bedarf an einem Gerät zur Heimnutzung. In Ermangelung kommerzieller Angebote begannen daher Hobbyisten mit der Zweckentfremdung von Taschenrechner-Mikroprozessoren zum Selbstbau von Billigcomputern. Als Folge der Bastlerbewegung wuchs der Bedarf an unterhaltenden und nützlichen Programmen, die auf diesen Heimgeräten liefen. Erste kleine Software-Firmen schossen aus dem Boden. Deren Rolle für die Durchsetzung des PCs, schreiben Aspray und Campbell-Kelly, entsprach derjenigen, die einst die Radiostationen für die Durchsetzung des Heimradios gespielt hatten: Ihre Kunden waren anfangs die Hobbyisten.</p>
<p>Sobald das Angebot an Programmen jedoch leidlich entwickelt war, weckte es Interesse auch außerhalb der Bastlerkreise und damit das Bedürfnis nach vorbereiteten Bausätzen (Altair, 1974) und fertigmontierten Produkten. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts kamen so Computer auf den Markt, die sich an normale Konsumenten wendeten (Apple II, 1977). 1981 fertigte dann auch IBM einen PC und legitimierte damit das bisherige Hobbygerät in den Augen der Geschäftswelt wie vieler Konsumenten. Der Absatz übertraf alle Erwartungen. Als 1983 mit weltweit 5,5 Millionen PCs eine kritische Masse erreicht war, kürte Time den Personal Computer gar zur „machine of the year“.</p>
<p><a href="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=850">&gt; Teil 5 Phase 3: Schöpferische Zerstörung Das Prinzip Zufall.</a></p>
<p>In: C’T &#8211; MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK, 5. Mai 2001, S. 246- 251.</p>
<p>Autor: Gundolf S. Freyermuth, freyermuth.com</p>
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		<title>Das Prinzip Zufall, Teil 3/7: Phase 1 &#8211; Glückliche Fügung</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Sep 2012 15:33:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In ihm lassen sich drei Phasen unterscheiden. Da ist erstens in der Entdeckung oder Erfindung selbst jendes Moments, das auf Englisch serendipity heißt, die glückliche Fügung also, die entgegen aller individuellen Absichten und kollektiven Planungen zum Durchbruch führt. Die Urszene eines solchen Erfolgs wider Willen lieferte gleich am Beginn der Neuzeit Columbus, als er Indianer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In ihm lassen sich drei Phasen unterscheiden. Da ist erstens in der Entdeckung oder Erfindung selbst jendes Moments, das auf Englisch serendipity heißt, die glückliche Fügung also, die entgegen aller individuellen Absichten und kollektiven Planungen zum Durchbruch führt. Die Urszene eines solchen Erfolgs wider Willen lieferte gleich am Beginn der Neuzeit Columbus, als er Indianer statt Inder fand. Nicht weniger glücklich war im siebzehnten Jahrhundert Otto von Guericke auf der Suche nach den Kräften, die Kompassnadeln kontrollieren. Mit einem schwefeligen Modell der Erde experimentierend, entdeckte er die Elektrizität und damit die Basisvoraussetzung für nahezu alle wesentlichen Modernisierungsschübe des 19. und 20. Jahrhunderts. Ebenso seltsam, wenn auch weniger weltbewegend führte die Seifenblase, die ein neugieriger schottischer Wissenschaftler drei Jahre lang am Platzen hinderte, zur Klarsichthülle.</p>
<p>Unverhoffte Fortschrittssprünge dieser Art, wie sie noch die technisch hochgerüstete Forschungsgegenwart kennzeichnen, stören freilich nicht nur das Ideal zielgerichteten Handelns, das für das Selbstbild neuzeitlicher Wissenschaft in ihrer akademischen Variante und erst recht in ihrer industriell-kommerziellen zentral ist. Die mangelnde Planbarkeit von serendipity und damit von Forschungsverläufen zeitigt auch wesentliche praktische Folgen: Sie unterminiert nahezu alle wohlbegründeten Versuche, den weiteren historischen Gang vorherzusehen oder gar zuverlässig zu steuern. Der etablierten Hochstapelei detaillierter Förderungsanträge und zuversichtlich-minutiöser Forschungspläne zum Trotz gilt für die Programmierung wissenschaftlich-technischer Durchbrüche weiterhin schlicht die Einsicht die legendären Mr. Malaprop aka Yogi Berra: Prognosen sind riskant, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.</p>
<p>Zum hohen Maß an Zufälligkeit im Prozess der technologischen Innovationen selbst kommen dann zweitens in der Phase ihrer sozialen Durchsetzung deren eher noch größere Unberechenbarkeiten. Sie produzierten in der auf Folgerichtigkeit bedachten Technikgeschichtsschreibung, wie Janet Abbate in Inventing the Internet feststellt, eine „Trennung zwischen den Erzählungen der Produktion und den Erzählungen des Gebrauchs“, die sich miteinander schwer zur Deckung bringen lassen.</p>
<p><a href="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=859">&gt; Teil 4 ZweckentfremdungDas Prinzip Zufall.</a></p>
<p>In: C’T &#8211; MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK, 5. Mai 2001, S. 246- 251.</p>
<p>Autor: Gundolf S. Freyermuth, freyermuth.com</p>
<p align="left"><a class="tt" href="http://twitter.com/home/?status=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+3%2F7%3A+Phase+1+%E2%80%93+Gl%C3%BCckliche+F%C3%BCgung+http://tinyurl.com/dx3j25f" title=" "><img class="nothumb" src="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/wp-content/plugins/tweet-this/icons/tt-twitter-micro3.png" alt="Post to Twitter" /></a> <a class="tt" href="http://twitter.com/home/?status=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+3%2F7%3A+Phase+1+%E2%80%93+Gl%C3%BCckliche+F%C3%BCgung+http://tinyurl.com/dx3j25f" title=" "> </a> <a class="tt" href="http://www.facebook.com/share.php?u=http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=847&amp;t=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+3%2F7%3A+Phase+1+%E2%80%93+Gl%C3%BCckliche+F%C3%BCgung" title="Post to Facebook"><img class="nothumb" src="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/wp-content/plugins/tweet-this/icons/tt-facebook-micro3.png" alt="Post to Facebook" /></a> <a class="tt" href="http://www.myspace.com/Modules/PostTo/Pages/?l=3&amp;u=http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=847&amp;t=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+3%2F7%3A+Phase+1+%E2%80%93+Gl%C3%BCckliche+F%C3%BCgung&amp;c=%3Cp%3EPowered+by+%3Ca+href%3D%22http%3A%2F%2Frichardxthripp.thripp.com%2Ftweet-this%22%3ETweet+This%3C%2Fa%3E%3C%2Fp%3E" title="Post to MySpace"><img class="nothumb" src="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/wp-content/plugins/tweet-this/icons/tt-myspace-micro3.png" alt="Post to MySpace" /></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Das Prinzip Zufall, Teil 2/7: Zerrbild des Fortschritts</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Sep 2012 15:33:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Unzählige Beispiele solch unglücklich-glücklicher Verkettungen finden sich in der Technikgeschichte. Ungeplante Erfindungen und ihre unvorhersehbaren sozialenKonsequenzen waren alles andere als seltene Ausnahmen, sie hatten vielmehr beachtlichen Anteil an der Entwicklung, die zur High-Tech-Zivilisation in ihrer heutigen Gestalt führte. Vom technologischen Fortschritt als einer langen Reihe von Zufällen zu denken – diese Gewohnheit setzte sich freilich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Unzählige Beispiele solch unglücklich-glücklicher Verkettungen finden sich in der Technikgeschichte. Ungeplante Erfindungen und ihre unvorhersehbaren sozialenKonsequenzen waren alles andere als seltene Ausnahmen, sie hatten vielmehr beachtlichen Anteil an der Entwicklung, die zur High-Tech-Zivilisation in ihrer heutigen Gestalt führte. Vom technologischen Fortschritt als einer langen Reihe von Zufällen zu denken – diese Gewohnheit setzte sich freilich weder in der Wissenschaft noch im öffentlichen Bewusstsein durch. Denn derlei Wechselfälle des Schicksals passten schlecht in auf Rationalität zielende Denk- und Erzählmuster, denen die Geschichtsschreibung der industriellen Epoche umso mehr gehorchte, wenn sie sich mit Wissenschaft und Technik beschäftigte.</p>
<p>Dass etwa wesentliche Teile der Kommunikations- und Unterhaltungstechnik militärischen Ursprungs sind, der digitale Computer daher die Verschmelzung von Medien- und Kriegstechnik darstellt und dank dieser bedenklichen Genesis auch in seiner gegenwärtigen Geltung Tod und Vernichtung berge, diese Interpretation des PCs als Krönung einer abendländischen „Kriegsmediengeschichte“ mochte einst überraschen und auch Widerstand wecken, als Friedrich Kittler, enfant terrible und zugleich Doyen der deutschen Digitalphilosophie, sie in den achtziger und neunziger Jahren entwickelte. Doch so ketzerisch der „mit Militärmetaphern durchtränkte informationstheoretische Materialismus“ (Telepolis) zu Zeiten war – das grundsätzliche Vorurteil, Technikgeschichte sei das Resultat rationaler Anstrengungen, wurde durch Kittlers Thesen in der Tradition aufklärerischen Kontrolldenkens keineswegs in Frage gestellt, sondern vielmehr bestätigt. Die Behauptung eines von mächtigen militärischen Interessen gesteuerten Fortschritts korrelierte den Vorurteilen der – ob links oder rechts – im Grunde technikfeindlichen bildungsbürgerlichen Intelligenz. Die Geburt der technischen Zivilisation aus Zufälligkeiten und Unberechenbarkeiten hingegen entsprach nicht dem Vorurteil vom rücksichtslos rationalen Fortschritt. Ihn begriff man, etablierten Denkgewohnheiten folgend, lieber in den Kategorien mechanischer Kausalität, effektiver Arbeitsorganisation oder zumindest struktureller Kohärenz. Die wiederkehrenden Selbsttäuschungen und Glücksfälle auf Seiten der Forscher und Erfinder sowie Verwirrungen und Verkehrungen in der massenhaften Durchsetzung lieferten daher zwar Erzählstoff für populäre Biografien. In wissenschaftlichen Standardwerken jedoch pflegten sie, wenn überhaupt einzigals amüsante und nebensächliche Anekdoten aufzutauchen, als eher unwichtige Zufälligkeiten und nicht als wesentliches Element der Technikgeschichte. Erst mit der Digitalisierung und dem überraschenden Wuchern von Internet und World Wide Web eröffneten sich neue Perspektiven auch auf den historischen Verlauf von Mechanisierung und Industrialisierung. Ende der neunziger Jahre erschienen daher mehrere Untersuchungen, die diesem missachteten Aspekt der Technikgeschichte Aufmerksamkeit schenkten – ganz im Sinne von Nietzsche Diktum: „Wir klugen Zwerge, mit unserem Willen und unseren Zwecken, werden durch die dummen, erzdummen Riesen, die Zufälle, belästigt, über den Haufen gerannt.“</p>
<p>In ihrer Einleitung zu Beyond Calculation: The Next Fifty Years of Computing, einer zum fünfzigsten Gründungstag der American Association for Computing erschienenen Sammlung von Zukunftsprognosen führender Theoretiker und Praktiker der digitalen Revolution, betonen die Herausgeber Peter J. Denning und Robert M. Metcalfe etwa die Unberechenbarkeit des technologischen Fortschritts und seiner sozialen Folgen. Ebenso räumt Paul Levinson in The Soft Edge: A Natural History and Future of the Information Revolution den &#8220;unintended consequences&#8221; gerade der medialen Basiserfindungenbreiten Raum ein. David H. Gelernter schildert in Machine Beauty: Elegance and the Heart of Technology wie der Computer sich aus Gründen durchsetzte, „die weit jenseits dessen lagen, was seine Erfinder unrsprünglich beabsichtigten&#8221;. Und auch Steven Johnson beschäftigt sich in Interface Culture: How Technology Transforms the Way We Create and Communicate mit diesem scheinbar irrationalen, weil statt logischen Schritten evolutionären Prozessen folgenden Lauf des technologischen Fortschritts.</p>
<p><a href="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=847">&gt; Teil 3 Phase 1: Glückliche Fügung Das Prinzip Zufall.</a></p>
<p>In: C’T &#8211; MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK, 5. Mai 2001, S. 246- 251.</p>
<p>Autor: Gundolf S. Freyermuth, freyermuth.com</p>
<p align="left"><a class="tt" href="http://twitter.com/home/?status=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+2%2F7%3A+Zerrbild+des+Fortschritts+http://tinyurl.com/d5dlbbf" title=" "><img class="nothumb" src="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/wp-content/plugins/tweet-this/icons/tt-twitter-micro3.png" alt="Post to Twitter" /></a> <a class="tt" href="http://twitter.com/home/?status=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+2%2F7%3A+Zerrbild+des+Fortschritts+http://tinyurl.com/d5dlbbf" title=" "> </a> <a class="tt" href="http://www.facebook.com/share.php?u=http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=843&amp;t=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+2%2F7%3A+Zerrbild+des+Fortschritts" title="Post to Facebook"><img class="nothumb" src="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/wp-content/plugins/tweet-this/icons/tt-facebook-micro3.png" alt="Post to Facebook" /></a> <a class="tt" href="http://www.myspace.com/Modules/PostTo/Pages/?l=3&amp;u=http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=843&amp;t=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+2%2F7%3A+Zerrbild+des+Fortschritts&amp;c=%3Cp%3EPowered+by+%3Ca+href%3D%22http%3A%2F%2Frichardxthripp.thripp.com%2Ftweet-this%22%3ETweet+This%3C%2Fa%3E%3C%2Fp%3E" title="Post to MySpace"><img class="nothumb" src="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/wp-content/plugins/tweet-this/icons/tt-myspace-micro3.png" alt="Post to MySpace" /></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Das Prinzip Zufall, Teil 1/7</title>
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		<pubDate>Sat, 15 Sep 2012 15:13:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von Gundolf S. Freyermuth
Glückliche Fügungen, Zweckentfremdungen, schöpferische Zerstörungen – Digitalisierung und Vernetzung eröffnen neue Perspektiven auf die Geschichte des technologischen Fortschritts und legen zugleich nahe, wie mit Innovationen am besten umzugehen ist.
Alexander Graham Bell war Taubstummenlehrer und zudem begnadeter Bastler. Mit einem technischen Gerät wollte er die Behinderungen seiner Schüler ausgleichen. Heraus kam dabei in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von Gundolf S. Freyermuth</p>
<p>Glückliche Fügungen, Zweckentfremdungen, schöpferische Zerstörungen – Digitalisierung und Vernetzung eröffnen neue Perspektiven auf die Geschichte des technologischen Fortschritts und legen zugleich nahe, wie mit Innovationen am besten umzugehen ist.</p>
<p>Alexander Graham Bell war Taubstummenlehrer und zudem begnadeter Bastler. Mit einem technischen Gerät wollte er die Behinderungen seiner Schüler ausgleichen. Heraus kam dabei in den 1870er Jahren keine Hörhilfe im engeren Sinne und auch kein Laut-, sondern eben der Fernsprecher – das erste Kommunikationsmittel, das im 20. Jahrhundert die Welt zum Dorf machen sollte. Zunächst jedoch zog das neue Telefon eine weitere unbeabsichtigte Erfindung nach sich. Denn in den ersten Jahren, als hohe Kosten die Verbreitung beschränkten, telefonierten vorwiegend Geschäftsleute. Sie störte ein gravierender Mangel gegenüber den bis dahin üblichen Kontaktwegen Briefpost oder Telegrafenverkehr: die Mündlich- und damit Flüchtigkeit. Verrauschte und verknisterte Ferngespräche, die ohnehin zu Missverständnissen einluden, hinterließen am Ende keinerlei Belege über die getroffenen Abmachungen. Wichtige Telefonate wurden daher im 19. und frühen 20. Jahrhundert von weiteren Anschlüssen aus umständlich mitstenographiert. Thomas Alva Edison, selbst schwerhörig, wollte dieser dringend empfundenen Unzulänglichkeit des Telefons abhelfen. Er konstruierte deshalb ein Gerät, das Gespräche mitschneiden und zum besseren Verständnis und zu Dokumentationszwecken beliebig oft wieder abspielen konnte, einen Tonschreiber also, den Phonographen.</p>
<p>Der Erfinder hatte sich verrechnet: Die Geschäftswelt verlangte weiter nach papierner Dokumentation. Die erste kommerzielle Anwendung des Phonographen nutzte dann allein dessen Fähigkeit, Sprache realistisch wiederzugeben: aus dem Bauch einer nunmehr plaudernden Puppe. Dieser Einsatz zu Spielzwecken war zukunftsweisend, denn als Unterhaltungsgerät sollte Edisons Erfindungbald die Welt mit Klängen überziehen und so den Siegeszug einer populären, soziale Identitäten stiftenden Musikkultur einleiten, an dessen gegenwärtigem Ende man dem technisch reproduzierten Lärm in praktisch keiner Nische des Planeten mehr entkommen kann.</p>
<p><a href="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=843">&gt; Teil 2 Zerrbild des Fortschritts Das Prinzip Zufall.</a></p>
<p>In: C’T &#8211; MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK, 5. Mai 2001, S. 246- 251. freyermuth.com</p>
<p align="left"><a class="tt" href="http://twitter.com/home/?status=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+1%2F7+http://tinyurl.com/bptxddu" title=" "><img class="nothumb" src="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/wp-content/plugins/tweet-this/icons/tt-twitter-micro3.png" alt="Post to Twitter" /></a> <a class="tt" href="http://twitter.com/home/?status=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+1%2F7+http://tinyurl.com/bptxddu" title=" "> </a> <a class="tt" href="http://www.facebook.com/share.php?u=http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=838&amp;t=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+1%2F7" title="Post to Facebook"><img class="nothumb" src="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/wp-content/plugins/tweet-this/icons/tt-facebook-micro3.png" alt="Post to Facebook" /></a> <a class="tt" href="http://www.myspace.com/Modules/PostTo/Pages/?l=3&amp;u=http://www.felderfilm.de/blog/zufall/?p=838&amp;t=Das+Prinzip+Zufall%2C+Teil+1%2F7&amp;c=%3Cp%3EPowered+by+%3Ca+href%3D%22http%3A%2F%2Frichardxthripp.thripp.com%2Ftweet-this%22%3ETweet+This%3C%2Fa%3E%3C%2Fp%3E" title="Post to MySpace"><img class="nothumb" src="http://www.felderfilm.de/blog/zufall/wp-content/plugins/tweet-this/icons/tt-myspace-micro3.png" alt="Post to MySpace" /></a></p>]]></content:encoded>
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